Harbin

Morgens um 9.30 Uhr kamen wir pünktlich an. Kalt war es, aber darauf waren wir ja vorbereitet.  Wie üblich kamen wir in einem Hotel für weniger als 20 Euro unter. Wir stellten die Koffer ab, duschten und zogen und warm an. Ein bis zwei lange Unterhosen sollten es für den Tag sein. Tagsüber waren warme Minus 8 Grad, nachts nur noch Minus 16 Grad. Zu warm für diese Jahreszeit. Gingen wir abends raus, etwa zum Eisfestival, trugen wir soviel, dass bewegen schwierig wurde. Bei mir waren es etwa: eine lange Unterhose, eine wollende Strumpfhose (ich habe nicht die geringste Idee, wo die überhaupt herkam ...), eine Jogginghose und eine Cargohose. Außerdem trug ich ein T-Shirt, ein langärmeliges T-Shirt, ein Hemd, ein Pullover, eine Trainingsjacke und eine Jacke. Problem waren meine Wangen. Sie wurden kalt und trocken. Zog ich jedoch den Schal bis über die Nase, beschlug mir aber die Brille. Es hieß also warm sein oder kucken können.
Harbin war der erste Ort, wo ich sah, dass jemand Eiscreme verkaufte, ohne eine Kühltruhe zu haben. Es war hier so kalt, dass man die Kartons mit dem Eis einfach auf die Straße stellt und direkt verkaufte.
Essen warn günstig. Man bekam eine große Portion Jiaozi (eine Art Ravioli) für 4 RMB! Mittags gaben wir kaum mehr als 2 Euro aus. Der russische Einfluss war überall zu sehen – es gab einen Stalin Platz, russische Restaurants, russische Souvenirs, russischen Vodka, russische Schokolade und Russen, Russen, Russen. Man hörte überall Russisch. Man sah Frauen in dicken Pelzmänteln und ebenso dicken Make Up. Ihre Männer trugen meist merkwürdige Mützen. Pelztierfallenstellermützen hatte mein Vater die einmal genannt. Am ersten Abend entschieden wir, in einem der russischen Restaurants zu essen. Das Café Russia 1914 wurde schließlich auch von mehreren Reisführern empfohlen. Meine Frau hatte eine Suppe, die offenbar Borschtsch sein sollte. Ich hatte Kohlrouladen, die bei meiner Mutter besser schmeckten. Beilagen gab es keine. Das war in Russland offenbar nicht üblich. Aber es gab auch kein russisches Bier und es gab auch nicht die russischen Spezialitäten – gefülltes Brot – die die Speisekarte doch eigentlich so lobte. Nun, es war eine Erfahrung. Immerhin brummte der Laden. Das Restaurant sah nett aus und wir waren froh, dass wir nicht die Wurst bestellt hatten. Was hatten wir schon mit einem Teller Blutwurstähnlicher Masse ohne etwas dazu machen sollen?
Wir verließen dann immerhin als letzte Gäste die Wirtschaft. Es war 20.00 Uhr geworden. Auf dem Weg kauften wir noch eine russische Limonade. Sie schmeckte ein wenig wie überzuckerte Fassbrause. Meine Frau las mir vor, sie sei aus russischem Brot gemacht. Die Limo natürlich, nicht meine Frau ...
Nachdem wir am zweiten Tag die Innenstadt hinreichend erkundet hatten, beschlossen wir mit dem Bus zum Schneefestival zu fahren. Der Bus stand auf dem Parkplatz und wartete, bevor er abfuhr. So ganz war mir nicht ersichtlich, worauf genau und vor allem wie lange wir warten würden. Offenbar warteten wir, bis der Bus voll war. Das konnte dauern, denn wir waren erst zu sechst oder so. Eine Stunde warteten wir, bis  es schließlich losging.
Das Schneefestival lohnte sich aber schon. Nicht nur, weil man von ihrem Ausgang die Kopie der Rotterdamer Erasmus-Brücke sehen konnte. Nein, tatsächlich waren die Schneeskulpturen wunderschön. Bisher hatte ich so etwas nur in Donald Duck Zeichentrickfilmen gesehen. Wir ließen uns Zeit und sahen uns alles an. Nebenher summte ich „Walking in a Winterwonderland“ vor mich hin.
Am nächsten Tag trafen wir uns mit Freunden – sie waren ebenfalls ein Paar Tage in Harbin und wir. Wir sahen uns zunächst die orthodoxe St. Sophia Kirche an. Ein imposantes Bauwerk russischer Architektur. Sie wird heute nicht mehr als Kirche genutzt, sondern beherbergt eine Ausstellung über Harbin´s Stadtentwicklung. Leider jedoch kaum mit englischen Erläuterungen.
Mittags führten wir unsere Freunde in ein weiteres russisches Restaurant – dieses Mal in das „Tatos“. Auch dies ein Besuch wert. Doch auch hier ist Vorsicht geboten - auch hier werden keine Beilagen gereicht. Als unser bestelltes Kotelett serviert wurde, blieb uns allen doch die Spucke weg. Außer den zwei Lappen Fleisch war nichts weiter auf dem Teller, nicht einmal ein Klecks Sauce. Mir war es etwas unangenehm, da wir das Restaurant ja ausgewählt hatte. Gleichzeitig musste ich mich zusammenreißen, beim Anblick der entsetzten Gesichter unserer Freunde nicht loszulachen. Immerhin war es vergleichsweise günstig für westliches Essen in China. Selbst wenn man Beilagen bestellt ...
Nach dem Essen gingen wir noch einmal zum Stalinplatz und an den zugefrorenen Songhua Fluss. Unser Freund fragt, wer mit ihm Rodeln würde. Es war schon fast eine Bobbahn, die da aus Eis im Ufer aufgebaut war. Noch wir anderen Drei unsicher beratschlagten, kam er bereits mit vier Karten – á 1 Euro – zurück und trieb uns auf den Startplatz hinauf. Während wir auch hier zögerten, sprang er bereits auf seinen Schlitten und raste die Bahn hinab. Ich folgte ihm einen Moment später und fragte mich auf dem Weg abwärts, ob man nicht irgendwo bremsen könnte. Die Frauen brauchten noch etwas länger, bis sie sich zur Abfahrt entschieden hatte, kamen aber auch nach.
Beim Spaziergang auf dem gefrorenen Fluss hieß es, allerlei Angebote abzuwimmeln – keine wir wollten keine Kutschenfahrt, keine Hundeschlittenfahrt, kein sonst was, einfach nur ein bisschen laufen.
Den Nachmittag machten wir uns zum eigentlichen Grund unseres Besuches in Harbin auf – dem Eisfestival! Bekannt und beworben in ganz China wurden hier im Winter prächtige Bauten erstellt. Geöffnet wurde erst am späten Nachmittag, da so erst die üppige Beleuchtung wahrgenommen werden konnte.
Es war gigantisch! Westminster Abbey, Tianenmen – der Eingang zur Verbotenen Stadt, verschiedenen Schlösser und die Akropolis –alle in Originalgröße aufgebaut. Alle aus Eis mit integrierter Beleuchtung. Auch nachdem ich zahlreiche Fotos und Berichte im Fernsehen gesehen hatte, beeindruckte es mich. Faszinierend.
Zum Aufwärmen gingen wir in eines der Cafés, die vorübergehend aufgebaut waren, und genossen heißen Kakao. Glühwein kannte man in China leider nicht. Überall gab es Rutschen, Eisflächen, und Rodelbahnen. Nach knapp drei Stunden waren wir so verfroren, dass wir uns mit leuchtenden Augen verabschiedeten.
Am letzten Tag trafen wir uns noch mit einer Chinesen, die lange in Hamburg gelebt hatte. Unsere Freunde hatten über Bekannte ihren Kontakt bekommen und sie zeigte uns noch weitere Teile der Stadt, die wir noch nicht gesehen hatte. Unter anderem war eine weitere orthodoxe Kirche dabei, die von außen ebenfalls sehr schön war. Innen hatte man jedoch eine Zwischendecke eingezogen und das neue Obergeschoss als Kirche genutzt. Das Erdgeschoss wurde wohl der Verwaltung zur Verfügung gestellt.
Eine Einkaufsstraße zog sich durch das Viertel, die irgendwo typisch chinesisch war, jedoch mit einem winzigen Trick sich attraktiv gestaltete. Ich hatte Architektur studiert und daher fielen mir die sehr aufwendig gestalteten, massiven Laternen auf, die sich auf beiden Seiten der Straße entlang zogen – sie gaben der Straße städtebaulich eine zusammenfassende Struktur. Mittendrin stand noch einsam und allein ein Straßenbahnwaggon. Leider nur noch ein Museumsstück, welches recht lustlos mitten auf der Straße stand, als hätte man seinen Abtransport vergessen.

Abends ging es „Hot Pot“ (Feuertopf) essen. Bei diesem Temperaturen genau das Richtige! Wir schlugen uns die Mägen mit dieser Leckerei voll, kamen dann noch auf ein oder drei Bier mit ins Hotel unserer Freunde und mussten uns dann auf den Weg zum Bahnhof machen. Unser Zug nach Tianjin sollte um 23.00 Uhr abfahren. Für die Rückfahrt hatten wir uns sogar etwas „geleistet“ – wir hatten Softsleeper gebucht. Ein geschlossenes Vierbett-Abteil mit mehr Ruhe als auf dem Hinweg ...

19.1.08 03:24

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