Harbin - Die Fahrt

Am Neujahrstag machten wir uns am Nachmittag auf dem Weg zum Bahnhof. Topfit waren wir, da wir am Silvesterabend ganz entspannt um 23.20 Uhr ins Bett gegangen waren. „Unser“ Silvester wurde in China nicht gefeiert. Dengmiao war, seit wir vom Essen zurück waren, quengelig und müde. Als dann auch die für den Abend ausgewählte DVD ihren Geist aufgab, resignierte ich. Feuerwerk gab es eh nicht so sehen.Sollten wir uns quälen, nur um einen Schluck Sekt zu trinken, während wir den Rest der Flasche ohnehin wegkippen würden? Unseren Proviant brach meine Frau schon vor der Abfahrt an. So wie immer eigentlich. Dann fuhr Zug Nummer 1421 endlich ab. Und wir waren an Bord. Mit gefühlten 30 Km/h rasten wir gen Nordosten. 14 Stunden würde unser Zug unterwegs sein. Es war so einer, der an jeder Milchkanne hielt. Im Stundentakt. Bei dem Tempo könnten es aber durchaus auch ein paar Tage werden. Innerhalb von Anderthalb Stunden hatten wir am zweiten Bahnhof schon 20 Minuten Verspätung. Abhilfe wurde aber geschaffen – wir beschleunigten auf atemberaubende 120 Km/h. Auf mehr waren die Waggons gar nicht zugelassen. Ich genoss das Bahn fahren in China. Der Blick aus dem Fenster erinnerte mich stets an die Märklin Eisenbahn bei meinen Eltern im Keller. Unterwegs konnte man zudem scheinbar Kilometerlange Güterzüge beobachten, die sogar von drei Lokomotiven gemeinsam gezogen werden mussten. Unser Zug klapperte und schaukelte daher. So stark, dass ich das Lesen aufgeben musste. Ich tat es also meinen Mitreisenden gleich und legte mich ganz stumpf um 20.45 Uhr schlafen. Nachts war im Zug außer dem Schaukeln und Klappern noch ein einziges großes Schnarchen sowie nahezu hypnotisierende Ausdünstungen wahrzunehmen.Wir hatten Hardsleeper gebucht. Eine Art Großraumwagen mit zehn offenen Abteilen und jeweils sechs Betten. Man konnte sich das etwa wie eine fahrende Jugendherberge vorstellen, die da durch die Provinzen Hebei, Jilin, Liaoning und schließlich Heilongjiang rauschte. Heilongjiang bedeutete Schwarzer Drachen Fluss und meinte den Amur, den Grenzfluss zu Russland. Harbin war die Hauptstadt der Provinz mit etwa 4 Millionen Einwohnern in der Stadt und noch einmal 6 Millionen in der zur Stadt gehörenden Landkreisen. Russische Einflüsse hatten die Stadt geprägt, nach der Oktoberrevolution waren viele aus der Sowjetunion nach Harbin geflohen. Ursprünglich wurde die Stadt sogar als Camp für russische Ingenieure gegründet, die bei am Bau der Transsibirischen Eisenbahn beteiligt waren. Dann gab es noch die Nudelsuppe. Als Allheilmittel. Aus dem Pappbecher. Ich weiß nicht, was dieses Volk gemacht hat, bevor die Supermärkte diese anboten. Morgens, mittags, abends. Überall gab es heißes Wasser, um die Suppen zubereiten zu können. Und glaubt mir – morgens um 7.00 Uhr aufzuwachen und dann den Geruch dieser Suppe erschnuppern war kein Genuß.

 

 

16.1.08 13:17

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